So klingt also Portugiesisch

Die erste Woche in Brasilien liegt hinter uns und obwohl wir schon viel Zeit in überraschend bequemen Bussen verbracht haben, haben wir erst einen Bruchteil gesehen. Das Land ist riesig, sodass wir uns nur auf den Süden beschränken werden. Laut Auskunft eines sehr netten und gesprächigen Taxifahrers in Florianópolis muss man eine Woche durchgehend in Bussen verbringen, um das Land von Norden nach Süden zu durchqueren. Es gäbe natürlich auch die Möglichkeit zu fliegen, aber zum Einen ist das nicht die Art des Reisens die uns vorschwebt, zum anderen wollen wir uns irgendwann auf den Weg Richtung Paraguay machen.

Zugfahrt Palme
Palme im Regenwald (bei Curitiba, Brasilien)

06.09. – 10.09.15, Florianópolis, Brasilen

In dieser Stadt, die so klingt als hätte sich Florian den Namen früher beim Lego spielen selbst ausgedacht, haben wir das erste Mal gemerkt, was es für ein Luxus ist so viel Zeit zum Reisen zu haben. Eigentlich hatten wir nur zwei Übernachtungen geplant, aber bereits am ersten Abend und nach den ersten Gesprächen mit den anderen Hostelgästen war uns klar, dass dies viel zu kurz ist. Am Ende sind wir vier Nächte geblieben und mit dem Gefühl abgereist, dass es trotzdem bei weitem nicht genug Zeit war für diese außergewöhnliche Stadt.

Florianópolis liegt zu einem Großteil (>90%) auf einer großen Insel im Atlantik, verbunden durch drei Brücken mit dem Festland. Es gibt einen Stadtkern auf der dem Festland zugewandten Seite mit allem was zu einer Großstadt gehört: Hochhäuser, Verkehr, Shopping-Center, etc. Viel ansprechender und auch beliebter (sowohl bei Touristen als auch bei Einheimischen) ist der andere Teil der Insel, der durch einen bewaldeten Hügel vom Stadtzentrum abgetrennt ist. Hier gibt es viele kleinen Siedlungen, über 40 Strände, einen großen See und nur wenig erinnert an eine Großstadt.

In unserem Hostel wurden wir von der sehr herzlichen Besitzerin begrüßt, die zwar kein Wort Englisch sprach, aber mit Händen und Füßen bemüht war uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. So waren wir dann auch in der Lage alle unsere Klamotten in der Waschmaschine vom Dreck der letzten Wochen zu befreien. Was für ein Luxus nach wochenlanger Handwäsche in diversen Duschen und Waschbecken!

Wandergeselle Hector
Unser Wandergeselle Hector (Florianópolis, Brasilien)

Am zweiten Tag haben wir uns dann trotz bedecktem Himmels zu einer Wanderung entlang des Seeufers aufgemacht. Der Weg führte uns erst an den Rand der Siedlung und dann über Stock und Stein immer am dicht bewucherten Ufer entlang. Einige Anstiege waren, besonders wegen des vorherigen Regens, nicht ganz einfach, aber dank festem Schuhwerk haben wir auch diese verletzungsfrei gemeistert und der Blick von oben über den See entschädigte für alle Strapazen.
Die gesamte Wanderung lang hatten wir einen treuen Begleiter. Direkt am Anfang des Weges wartete Hector, ein von uns so getaufter Straßenhund, der uns die gesamten 8 km nicht mehr von der Seite wich. Am Ende jeden Anstiegs, den er mühelos hoch rannte, wartete er treu auf die unbeholfenen Zweibeiner, um dann den Weg gemeinsam mit uns fortzusetzen. Wir hatten vorher schon von einigen anderen Reisenden gehört, dass sie teilweise tagelang von Hunden begleitet wurden. Leider reicht unser Budget nur für zwei hungrige Mäuler und so mussten wir Hector schweren Herzens am Ende der Wanderung zurück lassen.
Den Weg zurück zu unserem Hostel legten wir, nach einer gewaltigen Shrimps-Orgie in einem kleinen Restaurant, mit dem Wassertaxi über den See zurück.

Nach einem klassischen südamerikanischen Hostel-Fühstück (labbriger Toast mit Käse, ein Stück Kuchen und „Saft“, der schmeckt wie Fanta ohne Kohlensäure), haben wir uns am dritten Tag zu Fuß auf den 5 km langen Weg zu einem der vielen Strände gemacht. Der Joaquina Praia ist wegen der starken Brandung beliebt bei Surfern. Auch an diesem Tag fand ein Surf-Wettbewerb statt. Zwischen all den braungebrannten Beachboys und Bikinigirls fühlten wir uns mit unseren Zip-Hosen und Wanderschuhen etwas deplatziert. Wer konnte nach dem kühlen Vortag auch ahnen, dass plötzlich so warmes Strandwetter herrschen würde. Lektion gelernt: Ab jetzt haben wir bei Wind und Wetter am Strand Badehose und Bikini drunter.

Am letzten Abend in Florianópolis haben wir uns nach vielen in Hostelküchen gekochten Mahlzeiten mal wieder den Luxus eines Restaurants gegönnt und dabei auch die lokalen Brau“künste“ verkostet. Trotz vieler deutscher Namen (z.B. einfach „Das Bier“) ist der Geschmack wie erwartet anders als zu Hause.

10.09. – 12.09.15, Blumenau, Brasilien

Eine südbrasilianische Stadt gegründet von deutschen Einwanderen? Und dann auch noch auf unserem Weg? Das konnten wir uns nicht entgehen lassen…
Und so kam es, dass wir uns in das Stammtisch Hostel nach Blumenau verirrten. Unsere geringen Erwartungen wurden bestätigt. Das Fachwerk des berümten Rathauses ist mehr Schein als Sein und die „Vila Gêrmanica“, in der jährlich das zweitgrößte Oktoberfest der Welt stattfindet, präsentierte sich als deutsches Disneyland und nicht als schöne Altstadt. Zur Hälfte bestand es aus Souvenierläden, in denen jegliche bayrischen Klischees erfüllt wurden: Lederhosen, kurze Dirndl, Bierkrüge und alles, was sich irgendwie mit Deutschlandfahnen bedrucken lässt. Die andere Hälfte bestand aus „deutschen“ Restaurants und sonstigen Touristenfallen. Entschädigt wurden wir durch gutes Mittagessen, Röstis mit Salat inklusive deutscher Blasmusik. Die Hoffnung auf deutsches Brot mussten wir allerdings wegen fehlender Bäckerei begraben.

Rathaus von Blumenau
Rathaus mit „Fachwerk“ (Blumenau, Brasilien)

Wir entschieden uns trotzdem noch eine Nacht länger zu bleiben, da am Abend das „Food Truck Festival“ startete. Dieser Abend entwickelte sich unverhofft zu einem wirklichen Highlight, denn wir trafen Johnny Walker, einen Brasilianer, der wirklich so heißt. Wegen seiner englischen Vorfahren sprach er fließend Englisch, was uns deutlich mehr liegt als Portugiesisch. Mit seiner Freundin Sirlene, die aus einem deutschen Haushalt in Blumenau kommt, konnten wir tatsächlich Deutsch (mit lustigem Dialekt) sprechen. Das Sprachenwirrwarr wurde perfekt, da sich die beiden nur auf Portugiesisch unterhalten konnten. Die Zeit bei Dosenbier und Underberg (hier „Brasilberg“ genannt) verging wie im Fluge und am Ende der Veranstaltung wurden wir vom Schließdienst höflich gebeten, das Gelände zu verlassen. Die beiden wollten uns allerdings nicht eher gehen lassen, bevor wir nicht mit ihnen im deutschen Restaurant um die Ecke den Bierlikör der brasilianischen Brauerei „Eisenbahn“ probiert hatten.
Zum Glück hatten für den nächsten Tag noch keine Bustickets gekauft und konnten somit ein paar Stunden später nach Curitiba aufbrechen.

12.09. – 14.09.15, Curitiba, Brasilien

In Curitiba konnten wir am Sonntag über den großen Markt schlendern, obwohl dieser hinterhältig versuchte sich vor uns zu verstecken. Allerdings ist die Shoppinglust begrenzt, da wir immer im Hinterkopf haben, dass alles Gekaufte noch monatelang auf dem Rücken geschleppt werden muss.
Am Nachmittag machten wir einen Spaziergang durch den botanischen Garten, der sich jedoch als große Rasenfläche mit nur wenigen „exotischen“ Pflanzen wie z.B. Rosmarin und Thymian herausstellte.

Zugfahrt See
See im Regenwald (bei Curitiba, Brasilien)

Eigentlicher Grund für unseren Stop in Curitiba war der von hier abfahrende „Sierra Verde Express„, eine von nur noch zwei Zugstrecken in Brasilien, die von Personenzügen befahren werden. Die Fahrt führt ca. 3 Stunden durch einen der letzten intakten atlantischen Regenwälder. Hierbei bieten sich dem Holzklassen-Reisenden (wir haben natürlich das günstigste Ticket gekauft) atemberaubende Aussichten auf ein grünes Meer aus dichtem Regenwald. Die gerade mal 20 km/h des Zuges sind an den schönsten Stellen fast schon zu schnell, um sowohl den Ausblick genießen, als auch Fotos machen zu können. Wir haben uns überwiegend für das Erstere entschieden. Die mitreisenden Brasilianer im Waggon hingegegn haben unzählige Fotos der Landschaft gemacht, allerdings versperrte hierbei immer das eigene Gesicht den Blick auf das Wesentliche (Selfie-Pest!).

Zugfahrt Ausblick
Blick in den Regenwald (bei Curitiba, Brasilien)
Zugfahrt Berge
Berggipfel in den Wolken (bei Curitiba, Brasilien)

Nach der Zugfaht wartete noch eine überraschend lange Busfahrt auf uns, die wir großteils mit vollem Gepäck im Stehen verbringen durften. Trotz dieser Widrigkeiten haben wir unsere Fähre auf die Ilha do Mel („Honiginsel“) erreicht und genießen jetzt hier ein paar Tage Urlaub vom Urlaub.

Viele Grüße von der Insel!
Pia & Florian

13 Gedanken zu „So klingt also Portugiesisch“

  1. Am frühen Morgen beim Kaffee Neues von euch zu lesen… unbezahlbar Wahnsinn, was ihr bisher schon so alles erlebt und probiert habt. Wobei… Bierlikör??? Schmeckt das denn? schüttel….

  2. Hallo ihr beiden lieben,sagt mal ich hab den newsletter ausversehen abbestellt.hatte die brille nicht auf.wie komm ich zurück? Euch beiden drück ich und freu mich über jede zeile von euch.alles liebe amaly

  3. Wieder ein toller aufregender Bericht von euch beiden
    Und die schoenen Bilder zu euren ausfuehrlichten
    Erzaehlungen
    Bewahrt euch eure Energie und Neugierde auf immmer wieder Neues zu sehende
    Danke
    Alles Liebe von Oma und Opa zg

  4. Hallo ihr zwei!

    Schön mal wieder Neuigkeiten von euch zu lesen. Wie immer war das wieder ein sehr interessantes und kurzweiliges Statusupdate. Ich wünsche euch weiterhin viel Spaß und nette Begegnungen.
    Neidische Grüße
    Hendrik

  5. Hallo Ihr Zwei,
    schon wieder ein spannender Reisebericht von Euch, ich bin begeistert! Man hat ja beinahe das Gefühl dabei zu sein ;-))) Danke! Ich freue mich so für Euch, dass Ihr die Möglichkeit habt so eine Reise zu unternehmen.
    Lasst es Euch weiterhin gut gehen und passt gut auf Euch auf. Ganz liebe Grüße.

  6. Hallo Ihr Beiden,
    vielen lieben Dank für die vielen, interessanten Einblicke in eure Reise. Man möchte glatt die Koffer packen und auch verreisen:) Wir hoffen es geht Euch gut!

    Ganz liebe Grüße aus dem langweiligen Arnum
    Jan & Teresa

  7. Hi ihr2, nach einer Woche offline und Hdy – Empfang als reine Glückssache im verregneten Oberursel (5S-Bahn-Stationen ab Frankf. Hbf) freue ich mich -vllt als Letzte in der Reihe aber dafür umso mehr- über eure tollen Erlebnisse u die wirklich schönen Bilder.
    Ende nächster Woche bin ich wieder dabei -dazwischen bin ich mal wieder on tour in Aalen (Badenwürtemberg) und Nürnberg. Also denn, ich bin gespannt, ob ihr das toppen könnt -grins.
    Lieben Gruß Ulli u Hatti

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